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Karl Wilhelm Diefenbach


(http://strangeflowers.wordpress.com/2012/01/06/dress-down-friday-karl-wilhelm-diefenbach/)

 

von Hubert Hecker

 

Am 15. Dezember 1913 starb der Maler und Lebensreformer Karl Wilhelm Diefenbach auf der italienischen Insel Capri. Das Lebenswerk des aus Hadamar stammenden Künstlers war im 20. Jahrhundert weitgehend vergessen. Erst eine Ausstellung auf der Mathildenhöhe / Darmstadt im Jahre 2001 machte die Impulse Diefenbachs zur Lebensreformbewegung in den Jahrzehnten um 1900 der interessierten Öffentlichkeit wieder bekannt. Zwei weitere Kunst-Ausstellungen in München (2009) und Wien (2011) würdigten das künstlerische Werk des Malers Diefenbach unter breiter Anteilnahme von Medien und Öffentlichkeit. Das Hauptwerk des Künstlers, ein 68 Meter langes Fries mit dem Titel „per aspera ad astra“, ist seit 1988 im Stadtmuseum Hadamar ausgestellt.

 

Jugend und Ausbildung zum Maler

 

Karl Wilhelm Diefenbach wurde am 21. Februar 1851 in Hadamar als Sohn des Leonhard Diefenbach und seiner Frau Therese als drittes von sechs Kindern geboren. Der Vater hatte seit 1845 die Stelle eines Zeichenlehrers am herzoglichen Gymnasium Hadamar inne. Diese Schule besuchte auch sein Sohn Karl bis zur Obersecunda, Abgang mit dem Herbst-Zeugnis von 1867. Schon im Alter von 13/14 Jahren ging der Sohn seinem Vater beim Privatzeichenunterricht für Schüler zur Hand. Als Leonhard Diefenbach im Jahre 1867 kränklich wurde, vertrat Karl die Stelle seines Vaters als Zeichenlehrer an einem Mädcheninstitut und sogar eine Zeitlang am Gymnasium selbst. Karl Wilhelm Diefenbach hatte offenbar Talent. Auch die Ergebnisse seines Zeichenunterrichts waren so überzeugend, dass der Hadamarer Gymnasialdirektor dem jungen Mann von 17 Jahren anbot, die schulische Zeichenlehrerstelle seines Vaters bei vollem Gehalt zu übernehmen, nachdem dieser wegen eines Schlaganfalls im Januar 1868 seinen Dienst nicht mehr verrichten konnte. Karl schlug diese Stelle aus, da er sich zu Höherem berufen fühlte. Die Ablehnung quittierte der zuständige Oberschulrat mit den Worten „Starrsinn, Künstlerdünkel“.

 

Der jugendliche Diefenbach träumte davon, in der Münchener Maler-Akademie zu studieren - angeregt durch die väterlichen Erzählungen. Doch der Schlaganfall seines Vaters und dessen Pensionierung 1870 bei geringem Gehalt machten diese Pläne aus finanziellen Gründen vorerst zunichte. Zunächst bewarb sich Diefenbach als Bauzeichner bei der Nassauischen Eisenbahngesellschaft. Diese Stelle kündigte er nach neun Monaten Hilfs- und „Knechtsdiensten“. Daraufhin besorgte der Vater seinem Sohn eine Lehrstelle bei einem der besten Photographie-Geschäften in Frankfurt a. M. Wieder sah sich Karl bei verschiedenen Photo-Geschäfte in Frankfurt und Koblenz zu einem Gehilfenstatus „gezwungen“. Er äußerte später, dass er dort „die Bildnisse der ‚gebildeten Gesellschaft’ ebenso wie von Dienstmädchchen und Soldaten nach deren verdorbenem Geschmacke“ anzufertigen und zu idealisieren gehabt hätte.

 

Im Sommer 1870 begeisterte sich Karl Wilhelm für den Krieg gegen Frankreich unter preußischer Fahne. Aber sein Bruder Friedrich, der im August 1870 schon mit 17 Jahren ein Kriegs-Notabitur ablegen konnte, kam ihm zuvor, sich als Freiwilliger zu melden. Die folgenden Wintermonate verbrachte der 19Jährige wieder bei den Eltern, um seinen Vater bei der Anfertigung von verkäuflichen Bildern zu unterstützen. Dabei besserte er „die von zitternder Hand gemalten Aquarelle“ seines Vaters aus. Weiterhin fertigte er eine große Menge von Umrisszeichnungen an wie Landschaftsbilder, den Limburger Dom, die russische Kapelle in Wiesbaden sowie innere und äußere Kirchenbilder des gotischen Stils. Diese Umrisszeichnungen auf gutem Aquarellpapier füllte Leonhard Diefenbach anschließend in Wasserfarben aus, während Karl Wilhelm bei seinem nächsten Heimataufenthalt den Bildern den letzten Schliff gab.

 

Karl Wilhelm Diefenbach war schon mit 21 Jahren als Mal-Schüler weit fortgeschritten, als er endlich im Frühjahr 1872 nach München kam, „dem Ziel meiner Sehnsucht seit meinen Knabenjahren“, wie Diefenbach in einem Lebensbericht schreibt, den er 1912 an den Wallmeroder Amtsrichter und Schriftsteller Leo Sternberg richtete. Diefenbach hatte eine Stelle bei dem prominenten Münchener Hofphotographen Josef Albert bekommen. Auch diese Arbeit nannte er wieder „Frondienst“ und „Ausbeutung“, aber Diefenbach konnte an seiner neuen Arbeitsstelle seine Technik als Portraitmaler verbessern und vor allem Kontakte zu Kunsthändlern, prominenten Auftraggebern und Kunstdozenten knüpfen. Im Oktober 1872 wurde er auf Empfehlung eines Akademie-Professors in die ‚Königl. Bayer. Akademie der bildenden Künste’ aufgenommen. Aufgrund der eingereichten Probezeichnungen erließ man ihm das Studiengeld. Nach raschem Fortschritt in der Zeichenausbildung erhielt Diefenbach aufgrund der Empfehlung von Prominenten jeweils ein kleines Stipendium vom ehemaligen Herzog von Nassau wie auch vom Berliner Kultus-Ministerium.

 

In einem Brief vom 24. Oktober 1872 an seinen Vater spricht Karl Wilhelm von schnellen Fortschritten beim Modellzeichnen in der Akademie und Vervollkommnung seiner Aquarell-Technik. Jeden Nachmittag arbeitete er an Werken zum Verkauf. Schon seit dem Sommer 1872 fertigte er für das Photo- und Kunstdruckunternehmen Hanfstaengel Fotoretuschen, Portrait- und Landschaftsbilder an. Er malte „in flotter Manier“ und in Serie Bilder, „die ich gut zu verkaufen gedenke“. Karl Wilhelm Diefenbach war mit 21 Jahren schon zu einem Künstler-Geschäftsmann aufgestiegen, was sein Selbstbewusstsein sehr steigerte.

 

Eine schwere Typhus-Erkrankung fesselte Diefenbach seit Februar 1873 für ein halbes Jahr ans Krankenhausbett. Bei der medizinischen Behandlung einer schweren Infektion am rechten Arm wurden ihm weitgehend die Oberarmmuskeln entfernt. Der Künstler musste danach mühsam lernen, mit der linken Hand zu schreiben und seine Werke zu schaffen. Im August wurde er in einem Zug-Krankentransport von München nach Hadamar gebracht, bezahlt vom ehemaligen Herzog von Nassau.

 

Ein Jahr später konnte Diefenbach geheilt nach München zurückkehren, um sein Studium in der Akademie wieder aufzunehmen. Aber schon nach einigen Monaten des Wintersemesters brach er von sich aus den regelmäßigen Akademiebesuch ab, um als freiberuflicher Maler zu wirken. Schon während seiner Zeit beim Hofphotografen Albert hatte er ein Kinderbilderbuch mit Versen fertiggestellt und an einen Verlag verkauft. Von dieser Art der damals beliebten Kinder- und Jugendbücher mit Lehr-Versen hatte schon sein Vater Leonhard mehr als ein Dutzend erstellt. Karl Wilhelm nutzte die Bilder-Ideen und teilweise auch die Vorlagen seines Vaters, um mit neuen Versen Kinderbücher herzustellen. Im Winter 1874/75 produzierte er erneut ein Kinderbilderbuch. Auch den Kinderbuch-Verlag Thienemann kannte Karl Wilhelm von seinem Vater her, der mehrere Bücher über den Stuttgarter Verlag herausgebracht hatte. Karl Wilhelm Diefenbach schreibt in seinem Lebensbericht über die Jahre von 1974 bis 1876, neben der ertragreichen Kinderbuchherstellung „flossen mir massenhaft weitere Aufträge zu wie Illustrationen von Volksbüchern oder Aquarell-Kopien nach modernen Gemälden“. Und an anderer Stelle: „Ich hatte Glück mit Aufträgen, so dass ich bei rastlosem Arbeiten von früh bis spät täglich nicht unter 100 Gulden zu verdienen vermochte.“ Damit verdiente der 25jährige Diefenbach in einer Woche mehr als ein Volksschullehrer seiner Heimat Nassau im ganzen Jahr.

 

Diefenbachs Erfolge als Künstler

 

Auch Diefenbachs ehemaliger Landesfürst, Herzog Adolf von Nassau, der nach dem Verlust seines Herzogtums an die Preußen ab 1867 im bayrischen Exil im Schloss Hohenburg bei Lenggries lebte, erteilte ihm einen Auftrag. Er sollte von dem jugendlich verstorbenen Prinzen ein lebensgroßes Bild malen. Weiterhin malte Diefenbach nach persönlicher Sitzung ein Portrait vom österreichischen Erzherzog Rudolf. Auf einem Photographie-Bild von etwa 1874 sitzt Karl Wilhelm vor der Staffelei mit einem fertiggestellten Portrait von Kaiser Wilhelm I. Im Sommer 1875 begann Diefenbach mit ersten Entwürfen zu der Mappe „Kindermusik“. Diese Sammlung von Kindergestalten mit „sprudelnder Lebenslust und strotzender Lebenskraft“, wie es im ‚Lebensbericht’ von 1897 heißt, können als Vorarbeiten zu Diefenbachs berühmtestem Bildwerk angesehen werden, dem 68 Meter langen Fries ‚per aspera ad astra’, fertiggestellt Ende der 80er Jahre. Ebenfalls geht der Silhouetten-Zyklus „Göttliche Jugend“, den Diefenbach erst 1909 auf Capri endgültig vollendete, auf Vorarbeiten von 1875 zurück.

 

Diefenbach bekannte später, dass er von den sieben Jahren, in denen er in der Münchener Kunstakademie eingeschrieben war, nur etwa sieben Monate am Lehrbetrieb teilgenommen habe. Gleichwohl kann man davon ausgehen, dass er bis zu seinem 25. Lebensjahr seine künstlerischen Techniken im Wesentlichen ausgebildet hatte, also in den Sparten Modellzeichnen und Portraitmalen, bei der Herstellung von Aquarell- und Öl-Bildern sowie in seiner spezifischen Technik der Silhouettenmalerei. Diefenbachs Ansehen als Portrait-Maler stand in München so hoch, dass er noch 1882, als er sich schon erkennbar innerlich und äußerlich gewandelt hatte, vom königlich-bayrischen Hofsekretariat den Auftrag bekam, für die Weihnachtsgeschenke von König Ludwig II. ein Portrait-Bild von Richard Wagner zu malen. Wagner-Bildnisse nach einer Photographie vom Hofphotographen Albert fertigte Diefenbach mehrfach an.

 

Diese herausragenden künstlerischen Fähigkeiten Diefenbachs bildeten die Grundlagen für seine Ausstellungserfolge, die ihm wachsende Anerkennung und Ansehen brachten. Die erste Ausstellung mit seinen Bildern organisierte Diefenbach 1889 in München, die zweite Ausstellung fand 1891 in der Münchener ‚Löwengrube’ statt. Schließlich ist die umfangreiche Präsentation diefenbachscher Werke im Österreichischen Kunstverein in Wien hervorzuheben. Zu dieser Präsentation strömten innerhalb von fünf Monaten im Jahre 1892 etwa 78.000 Besucher. In mehreren weiteren Ausstellungen bis 1895 konnte Diefenbach seinen Bekanntheitsgrad als zeitgenössischer Künstler erhöhen. Auch bei seinem zweijährigen Aufenthalt in Ägypten präsentierte Diefenbach seine dort gemalten Bilder vor internationalem Publikum. Zwei seiner Gemälde konnte er dort für jeweils 10.000 Mark verkaufen. Die nach seiner Rückkehr in Wien 1898 gestaltete Ausstellung des per-aspera-Frieses wurde allerdings bezüglich Zuschauer und Presseecho ein Fiasko, das schließlich zum finanziellen Ruin und der persönlichen Entmündigung Diefenbachs führte. In Triest suchte sich der „Meister“ 1899 eine neue Existenz aufzubauen. Erneut konnte er mit einer Bilder-Ausstellung die öffentliche Anerkennung seines Künstlertums erleben. Im Rahmen der Planung einer weiteren Orientreise bis nach Indien machte Diefenbach Ende 1899 eine Schiffsreise an der italienischen Küste entlang. Dabei entschied er sich, auf der Insel Capri eine neue Existenzstätte aufzubauen. In der damals von Bohemiens und Geldadel besiedelten und besuchten Insel konnte Diefenbach bis zu seinem Tode 1913 eine beeindruckende Gästeliste seiner diversen Ausstellungen in der ‚Villa Diefenbach’ sowie auf dem Festland vorweisen.

 

Kunstgeschichtlich gelten Diefenbachs Frühwerke in der Silhouettentechnik als Vorarbeiten oder Anstöße für die spätere Kunstrichtung des ‚Jugendstils’. Seit Anfang der 90er Jahre arbeitete Diefenbach wieder verstärkt in der Ölbildtechnik mit Motiven aus christlichen, philosophischen und theosophischen Bildwelten, zu Tempelkunst und anderen Kultbauten. Auf Capri lag Diefenbachs Schwerpunkt auf symbolistischen Landschafts- und Naturbildern.

 

Die Jahre der Wandlung zu einem exzentrischen Lebensreformer

 

Zurück zum Jahresende 1874, als Karl Wilhelm Diefenbach den Entschluss fasste, „ein Jahr lang sein Akademie-Studium zu unterbrechen und nur auf Verdienst zu arbeiten, mit welchem er seine Eltern und Geschwister zu sich nach München holen wollte“. Obwohl ihm alle seine Freunde, Bekannten und Verwandten von diesem Plan abrieten und seine Eltern schon sterbenskrank waren, mietete Karl Wilhelm in München ein großes Haus an. Im Frühjahr 1875 wurde der Diefenbach-Haushalt in Hadamar aufgelöst und die Möbel versteigert. Keine sechs Wochen nach der Ankunft von Karl Wilhelms Eltern starb seine Mutter Therese und nach weiteren acht Wochen war auch der Vater Leonhard tot.

 

Karl Wilhelm lebte danach mit seiner jüngeren Schwester Elisabeth zusammen. Auf Photographien vom Herbst 1875, aufgenommen in Bad Tölz, sieht man die beiden in oberbayrischer Tracht, Karl Wilhelm mit Tabakpfeife. Der 24jährige Künstler war offensichtlich noch vollständig in die konventionelle Lebensweise eingebunden. Später kommt es zum Zerwürfnis zwischen den beiden Geschwistern und Elisabeth reist im Winter 1877 endgültig ab: „Wir würgten uns gegenseitig – es war nicht mehr zum Aushalten bei aller geschwisterlichen Liebe“, schrieb Karl Wilhelm in seinem „Testament an meine Schwester“ im Sommer 1909. „Du verließest mich – blutenden Herzens, wie mir das Herz über Dein Weggehen blutete. Der Familientraum, zu dessen Verwirklichung ich mein Studium geopfert und Geldmittel erarbeitet hatte, war vernichtet.“

 

In diesem Zerwürfnis mit seiner Schwester deutete sich schon eine Persönlichkeitsveränderung des jungen Künstlers an, der nur wenige Jahre später zu einem sozialen Exzentriker werden sollte - mit Gott und der Welt verkracht. Sein engster Schüler ‚Fidus’ charakterisierte seinen ‚Meister Diefenbach’ Ende der 80er Jahre so: Dessen „Bemühen“ in der Darstellung seiner Verhältnisse scheine von „krankhafter Erregtheit getrübt zu sein“ wie „all sein Hadern gegen diejenigen Zeitgenossen, mit denen er auch nur die geringste Reibung erlitt“. Seine Trennung von Diefenbach begründet Fidus nach zweijähriger Zusammenarbeit 1889 mit dessen autoritären Ansprüchen: „Du willst, dass andere Menschen in ihrem Wesen Dich selbst verkörpern sollen – aber diese Menschen können nur ihr Wesen verkörpern und halten überdies das Deinige für töricht.“ Ein Jahr später lässt sich Fidus in seinem Tagebuch über Diefenbachs „Kindlichkeit, Torheit, Unbesonnenheit und Maßlosigkeit“ aus.

 

Auch in der späteren ‚Kommune Himmelhof’ bei Wien führte Diefenbach eine rigide Gefolgschaftsordnung unter seiner autoritären Herrschaft ein. Bei diesen Bedingungen hielten es die meisten ‚Jünger’ nicht lange bei dem Künstler aus. Ebenso verlangte Diefenbach von den wechselnden Frauen und Geliebten, mit denen er zusammenlebte, unbedingte Unterordnung und Gefolgschaft bezüglich seiner Lebensideale. Sein angestrebtes Verhältnis zu Frauen beschrieb Diefenbach in seinem ‚Testament’ von 1909 rückblickend so: Auf der Suche „nach einer stillen, fügsamen, wie weiches Wachs mich umgebenden Weiblichkeit nahm ich die ‚Maja’ (Maximiliane Schlotthauer) zu mir, die ich (… im Winter 1877) als höchst anständig und meinen Bedürfnissen entsprechend kennen gelernt hatte“.

 

Was trieb den Künstler zu seiner exzessiven Zivilisationskritik?

 

Eine Frage ist bis heute ungeklärt: Was machte den katholisch sozialisierten, kleinbürgerlich erzogenen Sohn des Westerwaldes, der schon mit Anfang zwanzig ein erfolgreicher Maler-Geschäftsmann war, zu einem vielfach streitsüchtigen, gesellschaftsverachtenden und selbstüberschätzenden Sonderling?

 

Zunächst könnte man fragen, ob sich aus Diefenbachs biographischen Erfahrungen hinreichende Erklärungen für seine tiefgreifende Abneigung gegen alle gesellschaftlichen Institutionen, ihre Repräsentanten und insbesondere die Kirche finden lassen.

 

Diefenbach krakeelte in seinem „Testament“ von 1909 über die Kirche als das„schmarotzend-herrschsüchtige Götzenpriestertum“, deren „Geistes- und Seelenzwang ein Verbrechen an der Menschheit“ sei sowie „die Ursache allen Elends“. Das „Pseudo-Christentum der katholischen Kirche“ sei ein „gemeines Betrugsinstitut zur Ausbeutung, Verrohung und Verelendung der Menschheit, ein scheußliches Zerrbild der menschheitlichen Lehre Jesu“.

 

Diefenbachs eigene Ableitungen seiner Kirchenablehnung aus bestimmten Kindheitserfahrungen mit dem Hadamarer Kaplan oder einem Gebetsstreit mit seinem Bruder Friedrich können getrost als nachträgliche Rückprojektionen abgetan werden. Auch sein Urteil über die „empörend gewerbsmäßigen, statt Trost schale Worte und roheste Verletzung dem Trauernden bietenden kirchlichen Zeremonien bei dem Tode und der Beerdigung unserer Eltern“ dürften in dieser Schärfe von späteren Überlegungen überformt sein. Jedenfalls erklären diese biographischen Erfahrungen nicht den späteren aggressiven und abgrundtiefen Hass auf die Kirche.

 

Ebenso lassen sich Diefenbachs Beschimpfungen der „Medizinpfaffen“ aus seinen Erfahrungen mit dem damaligen Heilgewerbe kaum hinreichend erklären. Es sind offensichtlich nicht die empirisch-biographischen Begegnungen in und mit den gesellschaftlichen Institutionen, die Diefenbachs Lebenswendung und Persönlichkeitswandlung erklären können.

 

In seinem „Lebensbericht“ von 1897 ließ Diefenbach schreiben: Nach dem Tode seiner Eltern 1875 brach die bisher „gewaltsam zurückgedrängte Revolution seines innersten Wesens gegen alle in Staat, Kirche, Schule, Gesellschaft und Familie überkommenen Verhältnisse, welche ihn anekelten oder aufs äußerste empörten, endlich aus“. Auch diese Erklärung von Diefenbachs Empörung gegen Gesellschaft, Kirche und Staat als Ausbruch von dessen „innerstem Wesen“ ist wenig zufriedenstellend.

 

In Diefenbachs „Testament“ von 1909 beschreibt er selbst seine Lebenswandlung als einen länger dauernden Prozess, den er an bestimmten Ereignissen und Auseinandersetzungen mit seiner Schwester Elisabeth festmacht: „Wie viele Nächte trieb es mich hinaus, weil mich der Schlaf floh über deine unbeugsame Starrheit im Verharren Deines katholischen Standpunktes, … über Deine Bekämpfung der in mir aus dem Wust des kirchlichen Götzenwahnsinns, Betruges und Unnatur sich zum Licht emporringenden verkrüppelten Keimes reiner natürlicher Menschlichkeit! Und wie beurteiltest Du von Deinem katholischen Standpunkte (der mich hinaustrieb) mein ‚unmoralisches’ Nachtleben auf der Straße und seine Folgen!“

 

Was hatte es mit Diefenbachs „unmoralischem“ Nachtleben auf der Straße und seinen Folgen auf sich? Könnten hinter diesen Andeutungen Ereignisse stecken, die Diefenbach nicht einmal in seinen Tagebüchern genauer ansprechen wollte?

 

Diefenbach schrieb 1888 in einem Brief an den Naturheilkundler Arnold Rikli über seine eigenen Methoden „zur Heraustreibung des in meinem Körper steckenden Giftes, Quecksilber, Syphilis u. s. w.“ Die im 19. Jahrhundert weitverbreitete Syphilis wurde bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts von Ärzten wie von Quacksalbern gewöhnlich mit dem Quecksilber behandelt. Der giftige Stoff wurde entweder als Salbe äußerlich eingerieben, oral eingenommen oder als Quecksilberrauch eingeatmet. Quecksilber linderte einige Syphilis-Symptome, konnte aber auch schwerwiegende Nebenwirkungen zeigen. Diefenbach selbst spricht in seinen Tagebüchern vielfach von Schwächezuständen, Nerven- und „Gehirnleiden“. Die in seinem Körper steckende Syphilis könnte zusammen mit der damals üblichen Quecksilberbehandlung für seine psychische und mentale Persönlichkeitsveränderung mitverantwortlich gewesen sein, die sich in seinen radikalisierten Lebensansätzen, seiner Selbstüberschätzung und dem dauernden Hader mit Gott und der Welt zeigte. Weiter ist zu erwägen, ob nicht auch die Milieu-Erfahrungen seines „unmoralischen Nachtlebens auf der Straße“ Diefenbachs ethische und gesellschaftliche Werte-Koordinaten tiefgreifend verrückt haben könnten. Jedenfalls ging sein abgrundtiefer Hass auf die Institution der Ehe in Schrift („entwürdigend und schmachvoll“) und Bild („Unterm Ehejoch“) weit über die damaligen zeitgenössischen Ansätze von „freier Liebe“ als einer „höheren Form“ des menschlichen Zusammenlebens hinaus.

 

Diefenbachs Kritik an der „entarteten Gesellschaft“ und seine naturreligiöse Erlösungsvision

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Karl Wilhelm Diefenbach seit seinen Endzwanziger Lebensjahren mit Gott und der Welt im Streit lag. Er beschimpfte die Fürsten von Nassau und Preußen, die ihn jeweils mit einem kleinen Stipendium für sein Kunststudium unterstützt hatten, als habgierig und herrschsüchtig. Die Ärzte, die Diefenbach bei Typhus, Syphilis und vielen anderen Krankheiten behandelt hatten, nannte er doktorierte Esel oder Medizinpfaffen. Vom Verhalten in der Münchener Kunstakademie sprach er abschätzig als Lausbubengehabe. Richter, Amtsleiter und Polizeioffiziere waren für Diefenbach Staats- und Justizpfaffen. Heftige Attacken richtete er gegen Priester, Kirche und Christentum. Auch mit seinen fünf Geschwistern entzweite er sich völlig. Neben diesem Streit mit Institutionen und Personen bekämpfte Diefenbach in aggressiver Weise bürgerliche Verhaltensweisen wie Bier- und Weintrinken, Tabakrauchen, Fleischessen, Rasieren und enge Kleidung tragen. Das Institut der Ehe beschimpfte er als „gemeinen Zwang und fluchbeladene Frucht der Weltanschauung längst vergangener Zeiten“.

 

In einem persönlichen Manifest mit dem Titel „Sonnen-Aufgang“ vom 11. Februar 1882 beschreibt Diefenbach die „Grundübel“ seiner Zeit: „Fürstenhabgier, Priesterwahn und Medizinertreiben, die der Menschheit Menschlichkeit vernichtet und der Erde blühend Eden in ein Jammertal verwandelt“ hätten. Die „Sonne reiner Menschlichkeit“ sah er darin aufgehen, dass er die Menschheit wieder zu einem naturgemäßen Leben zurückführen würde.

 

Neben seiner Predigt „Es ist kein Gott!“ entfaltete Diefenbach in der Beischrift zu seinem künstlerischen Hauptwerk „per aspera ad astra“ ein weiteres Manifest zu seinem Kunst- und Lebensprogramm. Seine Grundthesen, mit Diefenbachs Worten zusammengefasst, lauten:

 

1. Der Glaube an einen transzendenten Gott ist eine von der „finsteren Macht der Priester verkündete Lüge“. Sie ist „die Quelle allen Elends“. Wie ein „wüster Traum, einem Albdruck gleich“, lastet der Gottglaube noch „auf dem größten Teil der Menschheit. Die arme, irregeleitete Menschheit flehte zu toten Götzen um Erlösung.“

 

2. Denn die „Menschheit ist gewichen einst vom Wege der Natur, nicht mehr erkennt sie ihrer Mutter Erde Liebe, die traute Stimme der Natur – und ist dem Wahn“ verfallen.

 

3. Diefenbach sieht sich „erwacht aus diesem unnatürlichen Schlaf, den Priester sorgsam hüten, und erkennt jenen wüsten Traum von einem Gott, der nichts als Irrtum und Lüge ist.“ Als Prophet „ruft er in die Welt hinein: Es ist kein Gott!“

 

4. Durch diese Erkenntnis und Botschaft, „befreit von den Banden und dem Fluch des Irrtums“, kann sich der Mensch „zum wahren Gott des Lebens und des Heils“ erheben, zu dem „ewigen Urquell der durchgöttlichten Natur“.

 

5. „Die göttliche Mutter NATUR“ schuf die Welt zu einem „blühenden Garten Eden“. In den Naturphänomenen können „die nicht entarteten Menschen das göttliche Werden“ betrachten und „Erkenntnis der Gottheit in All-Religion“ gewinnen.

 

6. Der Mensch muss auch zur „Erkenntnis seiner eigenen GÖTTLICHKEIT“ kommen, denn seine „Mutter, die NATUR, hat ihn rein und frei als höchstes Wesen geboren, nicht befleckt mit Erbsünd, Fluch und Schande“. Die Erkenntnis des eigenen göttlichen Selbst ist der Weg zur Erlösung, die Rückkehr ins Paradies.

 

7. Denn die Mutter Natur hat dem Menschen auf der Erde „ein Paradies geschaffen mit Blumen und Früchten. Der Garten ladet Mensch und Tier zum Gottesmahle ein. Menschen und Tiere – im Wesen gleich als Emanation der Gottheit, nur verschieden im Grad der Entwicklung -, verschönen in Liebe vereint sich gegenseitig das Leben.“

 

8. Da aber „der größte Teil der Menschheit“ durch die Verführung des „Satansinstituts der Kirche, des teuflischen Pfaffengeistes aller Künste sowie der teuflischen Staatsverfassung“ seine göttliche Ursprungsnatur verraten und verkauft hat, braucht sie Führer, die sie „den Weg zum Paradies leiten, den Weg zu Gott“.

 

9. Diefenbach betrachtet die Kunst im Geiste seiner nächsten Geistesverwandten wie Shelley, Schiller und Richard Wagner als das wesentliche Veredlungsmittel“, die Menschheit „vom Kadaver essenden ‚Raubthiermenschen’ zum ‚Gottmenschen’ zu führen in den Tempel der HUMANITAS.

 

10. Diefenbach strebte „die Verwirklichung der ‚frohen Botschaft’ Jesu von der Menschheitserlösung und der Errichtung des ‚Reiches Gottes’ durch die allgemeine Menschenliebe“ an. Aber wie beim „Edelmensch Jesus“ so würden heute noch die Erlöser der Menschheit als ‚Gotteslästerer’ und ‚Ketzer’ verfolgt, ausgebeutet, in Elend, Verzweiflung oder Wahnsinn getrieben.

 

11. Diefenbach identifizierte sich in Text und Bild mehrfach mit dem gekreuzigten „Gottmenschen aus Nazareth“. In dieser allegorischen Selbststilisierung zum christusgleichen Martyrer der Menschlichkeit fühlte sich Diefenbach als messianischer Wegweiser der Menschheit zu ihrer „Höherentwicklung als gottgleiche Menschen“, die in diesem Zustand „inniger Liebe von allen zu allen, erlöst von Krankheit, Armut und jeglicher Not, sich in wunschloser Wonne selig im Paradiese fühlen“.

 

Geistesgeschichtliche Einflüsse auf Diefenbachs Lebensphilosophie

 

In Diefenbachs Manifesten und programmatischen Schriften sind einige Strömungen aus der europäischen Geistesgeschichte seit der Aufklärung zu erkennen. Mehrfach lässt er durchblicken, dass er der Priesterbetrugstheorie anhängt, wie sie von Aufklärungsphilosophen – etwa vom Baron d’ Holbach (+1789) – aufgestellt worden war. Demnach wären religiöse Aussagen als lügnerische und betrügerische Erfindungen der kirchlichen Amtsträger anzusehen.

 

Weiterhin lässt Diefenbachs Rede, dass der Mensch „nicht befleckt mit Erbsünde“ aus dem Schoß der Mutter Natur hervorgegangen sei, auf die rousseauische Denktradition schließen. Jean-Jacques Rousseaus (+1779) zentrales Axiom lautet: „Der Mensch ist frei geboren (…), aber er ist durch die Institutionen unserer Zivilisation in Ketten gelegt.“ „Der Mensch ist von Natur aus gut“, heißt es weiter im ‚Zweiten Diskurs’, da die Natur in sich gut sei. Als sich die Menschheit gesellschaftliche und politische Regeln gab sowie zivilisatorische Institutionen, verloren die Menschen nach Rousseau ihre paradiesische Natürlichkeit und natürliche Unschuld.

 

In einer Bekenntnisschrift Diefenbachs heißt es: Erkenn Dich selbst! - In DIR ist Gott! … Nur die Erkenntnis Deiner GOETTLICHKEIT befreit Dich von den Banden und dem Fluch des Irrtums. Die „Erkenntnis“, dass ein transzendenter Gott nicht existiere, sondern das Göttliche einzig im Menschen zu sehen sei, war nicht neu im 19. Jahrhundert. Ludwig Feuerbach schrieb um etwa 1840: Dem Menschen müsse bewusst werden, „dass der einzige Gott des Menschen der Mensch selbst ist. Homo homini deus - das ist der Wendepunkt der Geschichte." Und: „Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen.“ „Der Mensch“ hätte demnach vollständig die Stelle Gottes eingenommen. In diesem Weltanschauungsstrom bewegte sich auch Diefenbach: An dem Ideal einer humanisierten Gesellschaft müssten alle ethischen und gesellschaftlichen Imperative Maß nehmen und sich alle Zukunftsperspektiven legitimieren. Die Erlösung der Menschheit geschehe allein in der Diesseitigkeit als ein menschliches Werk.

 

Auch Heinrich Heine (+1856) formulierte Gedanken einer natürlichen Religion des Diesseits. Im Anschluss an Spinozas Pantheismus – ‚deus sive natura’ - sah er die Göttlichkeit in der Welt inhärent, aber nicht nur im Menschen, sondern in der gesamten Natur: Gott manifestiert sich in den Pflanzen, den Tieren und am herrlichsten im Menschen. Im Menschen kommt die Gottheit zum Selbstbewußtsein. Die ganze Menschheit ist eine Inkarnation Gottes. An einen solchen religionsartigen Pantheismus knüpfte Diefenbach an, als er sich in den Jahren nach 1880 seine persönliche Weltanschauung zusammenreimte.

 

Die Ableitung von Diefenbachs Ideen aus einem geistesgeschichtlichen Stammbaum soll nicht bedeuten, dass der Künstler die entsprechenden Schriften gelesen haben müsste – das ist sogar eher unwahrscheinlich. Denn in dem Jahrzehnt der Gründerzeit ab 1871 waren sowohl Feuerbach als auch Heine verdrängte, wenn nicht verfemte Schriftsteller. Die human-atheistische und naturgöttliche Gedankenwelt blieb aber als Sediment der Geistesgeschichte virulent und fruchtete in den Köpfen von Vormärz-Rebellen. Einer von ihnen war Eduard Baltzer, durch den Diefenbach nachweislich beeinflusst wurde.

 

Baltzer (+1887) war der Begründer und erster Präsident des ‚Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands’. Seine pantheistische Theologie führte ihn konsequent zum Vegetarismus, dem er 1867 mit der Gründung des „Deutschen Vereins für natürliche Lebensweise“ ein organisatorisches Konzept gab. Diefenbach wurde von der praktischen Lebenshaltung und theoretischen Weltanschauung Baltzers direkt und entscheidend inspiriert. Spätestens 1881, als er in die ‚freireligiöse Gemeinde München’ eintrat, war er mit den Ideen und Schriften Baltzers vertraut.

 

Weitere Einflusslinien auf Diefenbachs Geisteshaltung gehen auf Carl Scholl (+1907) zurück. Scholl war Gründungsmitglied des „Deutschen Freidenker-Bundes“. Er wurde als „unermüdlicher Kämpfer“ gegen die „römische Anmaßung“ der katholischen Kirche gefeiert. Scholls „Religion der Humanität“ stand wohl auch Pate, als Diefenbach am 29. März 1882 den Verein „Menschheit“ gründete. Drei Jahre später etablierte der Künstler in der Einöde Höllriegels-Gereute die „HUMANITAS“ genannte „Werkstätte für RELIGION; KUNST & WISSENSCHAFT“.

 

Diefenbach selbst nannte folgende Personen und deren Werke als bedeutsam für seine Weltanschauung: Charles Darwin und Friedrich Nietzsche, den Kleidungsreformer Gustav Jäger, Helena Blavatsky und ihr Theosophie-Konzept sowie den „Haupt-Apostel der Deutschen Theosophischen Gesellschaft, Dr. Hübbe-Schleiden.

 

Einschätzungen zu Diefenbachs Lebensphilosophie

 

Zusammenfassend kann man sagen, dass Diefenbachs Lebensphilosophie ein Konglomerat von diversen Kulturströmungen seiner Zeit war, also eine eklektizistische Philosophie und synkretistische Religion des Natürlichen. Seine Leistung war es, alle aufgenommenen Weltanschauungsthesen in eigene Lebensansätze transformiert zu haben - teilweise ins Extrem getrieben und maßlos übersteigert. Das gilt insbesondere für seine Selbsteinschätzung als Jahrhundert-Künstler, ultimativer Lebensreformer und Menschheitserlöser. Der „Wahn“, den Diefenbach praktisch allen gesellschaftlichen Institutionen seiner Zeit zusprach, scheint eher bei ihm selbst gelegen zu haben. In manchen Schriftstellen erweckt er den Eindruck, als wenn sich alle Welt gegen ihn verschworen hätte. Im 17. Jahrhundert wäre Diefenbach wahrscheinlich an die Seite der sogenannten ‚Schwärmer’ gestellt worden.

 

Der inhaltliche Grundzug von Diefenbachs Lebensreform ab Ende der 70er Jahre war die rousseauistisch inspirierte Gegensatz von ‚durchgöttlichter Natur’ und ‚natürlicher Menschheit’ einerseits sowie den gesellschaftlichen Institutionen andererseits, insofern sie Natur und Menschlichkeit unterdrückten. Diefenbach sah sich im „Titanenkampf“ gegen diese übermächtigen Einrichtungen bei seiner Lebensmission, die Menschheit durch Kunst und naturgemäße Kultur ins Paradies der ‚Humanitas’ zu führen.

 

In mehreren persönlich-praktischen Lebensreformansätzen scheiterte Diefenbach: Sein Sohn Helios, den er nach rousseauistischen Grundsätzen zu einem neuen, natur-erlösten Menschen erziehen wollte, entwickelte sich auf Capri zu einem überheblichen Quälgeist, der sogar seinen eigenen Vater bis hin zur „direkten Lebensgefahr“ terrorisierte. In der Kommune „Himmelhof“ bei Wien wollte Diefenbach ab Herbst 1897 eine Natürlichkeits-Gemeinschaft fern der „entarteten Gesellschaft“ aufbauen. Auch dieses rousseauistische Projekt war zum Scheitern verurteilt – vor allem wegen des quasi totalitären Herrschaftsanspruchs des „Meisters“ über seine ständig wechselnde Jüngerschaft. Schließlich führten Diefenbachs Beziehungen zu Frauen mehrfach zu Katastrophen. Unter Ablehnung von Monogamie und Ehe-Form lebte er in drei Lebensphasen mit jeweils zwei Frauen zusammen. Diese Sozial-Experimente führten regelmäßig zu seelischen Verletzungen und Zusammenbrüchen aller Beteiligten.

 

Karl Wilhelm Diefenbach starb am 15. Dezember 1913 nach heftigem Darmkatarrh, Bauchfellentzündung und starkem Erbrechen wahrscheinlich an Rektalkarzinom. Das tragische Schlusswort zu Diefenbachs Leben sprach sein Capri-Bekannter Adolf Schafheitlin einige Tage nach dessen Tod aus: „Ich glaube, unser Freund ward auch ein Martyrer seiner extremen Vegetarier-Idee.“

 

[geändert durch den Autor am 14.1.2014]


 
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