| 13.07.2004 Was hilft gegen „Gewalt in der Schule“? |
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Bad Camberg-Erbach. Auch wenn an vielen Schulen im Kreis das Gegenteil behauptet wird: Gewalt an Schulen hat es schon immer gegeben, Gewalt gibt es an jeder Schule, und Gewalt sollte auch an jeder Schule Thema sein – so lautete das Fazit der jüngsten Podiumsdiskussion des Pfarrgemeinderats im Erbacher Pfarrheim.
Teilnehmer des Podiums unter der Leitung von Dr. Rudolf Bamberger, 2. Vorsitzender des Pfarrgemeinderates, waren Rudi Heimann, Polizeirat und Leiter eines Trainernetzwerkes zur Gewaltprävention; Walter Planz, Vorsitzender des Kreiselternbeirates; Bruno Reuscher, Jugendkoordinator der Polizeidirektion Limburg/Weilburg und Werner Röhrig, Schulamtsdirektor im Staatlichen Schulamt – allesamt Fachleute was die Problematik an Schulen betrifft, allerdings mit verschiedenen, interessanten Sichtweisen. Im Mittelpunkt der Diskussion standen aktuelle Statistiken und die persönlichen Erfahrungen des Podiums, die dem zahlreich erschienenen Publikum einen Einblick gaben, wie überhaupt Gewaltbereitschaft entstehen kann und welche Profile Täter und Opfer in den meisten Fällen aufweisen. Schließlich wurden Wege aus der Gewalt an Schulen aufgezeigt, bevor das Podium dem Publikum Rede und Antwort stand.
Vom Jugendkoordinator Bruno Reuscher war zu erfahren, dass sich seit 1990 die allgemeinen Körperverletzungsdelikte verdreifacht haben. Meist handele es sich dabei um Gewalttätigkeiten unter Erwachsenen, vermehrt ginge es aber auch in Familien handgreiflich zu. Bezüglich der Gewalt an Schulen gebe es ein riesiges Dunkelfeld, sehr selten kämen selbst gravierende Übergriffe zur Anzeige. Dabei gebe es viele subtile Arten von Gewalt, neben den körperlichen kämen vermehrt Bedrohungen, Nötigungen und Erpressung via Internet und Handy dazu. Die Täter seien oftmals überhaupt nicht in der Lage, Mitgefühl zu empfinden, ihnen gehe «jegliches Mitleid ab».
Sein Kollege Rudi Heimann fügte an, dass ein «jünger werden der Gewalt» zu verzeichnen sei – schuld daran seien unter anderem die fehlende Kommunikation im Elternhaus, ein falsches Vorbild in Form von Erziehung mit Gewalt und die vielfache Unfähigkeit von Eltern und Lehrern, rechtzeitig und deutlich Grenzen zu setzen.
Auf die Frage, wie sich ein potenzielles Opfer darstelle, erklärte Heimann, dass diese oft ein eher «weibliches» Auftreten an den Tag legten, das heißt, sich empfindsam, ängstlich, körperlich eher schwach und mit einer negativen Selbsteinstellung zeigten. Körpersprache, Haltung und Äußerlichkeiten wie Brille oder Übergewicht täten ein weiteres, um Gewalttäter aufmerksam werden zu lassen. Hier sei Sport eine sehr gute Prävention um Selbstbewusstsein, Körpersprache und Haltung zu schulen.
Schulamtsdirektor Werner Röhrig sieht die Wurzel des Übels in der mangelnden Erziehung der heutigen Generation. Zwar seien immerhin noch 75 bis 80 Prozent der Eltern auch heute noch in der Lage, ihre Kinder vernünftig zu erziehen, der Rest aber bereite eklatante Probleme im Unterricht. Die Schule habe immer mehr Erziehungsaufträge zu übernehmen, ohne dass dafür Räume geschaffen würden. Spätestens seit «Pisa» fehle einfach der didaktische Ort für die Sozialerziehung, dass schaffe Probleme. «Wir müssen zu mehr Ruhe im Unterricht, zur Kultur der Anstrengung und zum gegenseitigen Respekt zurückfinden», sagte Röhrig.
Auch eine verbesserte Werte-Erziehung – zum Beispiel im Rahmen des Religions-Unterrichtes – wäre seiner Meinung nach eine Möglichkeit der Erziehung, eine andere werde zur Zeit an der Taunusschule erprobt. Das so genannte «Trainingsraum-Programm» sieht vor, auffällige Schüler in einem gesonderten Raum mit einem schriftlich niedergelegten Erziehungsvertrag zu konfrontieren, Problem ist, dass dafür pro Schule mindestens eine halbe Lehrerstelle zusätzlich nötig wäre.
Der Kreiselternbeiratsvorsitzende Werner Planz forderte, die Eltern mehr einzubinden, verbale Konfliktlösungen anzubieten und Schüler grundsätzlich erst zu fördern, dann zu fordern und zu beurteilen.
Diskutiert wurden dann die Möglichkeit der Konfliktlösung über Rollenspiele und schließlich das Modell «Streitschlichter». Zu diesem Thema waren extra drei Gäste von der Fürst-Johann-Ludwig-Schule aus Hadamar angereist, um das sehr gut angenommene Projekt persönlich vorzustellen. Eine weitere Anlaufstelle für Rat Suchende kann aber auch der Beratungslehrer sein – wenn es denn einen gibt – oder aber die so genannte «Trouble-Line», ein direkter Draht zu speziell ausgebildeten Beamten der Polizei.
Mit der Podiumsdiskussion ist das Thema für den Pfarrgemeinderat keineswegs erledigt, noch in diesem Sommer wird es einen Filmabend zum Thema «Jugend und Gewalt» mit anschließender Diskussion im Pfarrheim geben. (add)



Quelle: www.nnp.de (o.g. Datum) 
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