| 23.03.2005 Brückenbauer der Geschichte |
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Hadamar. Im Mai vor 60 Jahren war der zweite Weltkrieg beendet. Bombenangriffe, Hunger, Flucht und Tod, menschengemacht, gehören in Deutschland der Vergangenheit an. Aber die Frage sei nicht nur, was damals geschehen ist, sondern was es heute noch bedeutet, begann Dr. Georg Lilienthal, Leiter der Gedenkstätte, den Gedenknachmittag am vergangenen Sonntag in der Aula des Hadamarer Schlosses, in der auffallend viele Jüngere Platz nahmen.
Es galt, sich mit der Thematik «Befreiung – Kriegsende – Erinnerungen, 60 Jahre danach...» auseinander zu setzen, ein Projekt, das von Regine Gabriel, pädagogischer Mitarbeiterin der Gedenkstätte, vorbereitet und schließlich in Zusammenarbeit mit der Fürst-Johann-Ludwig-Schule (gefühlvolle Musik der «Fürsten-Teenies» und Podium) und der Kirche umgesetzt wurde.
Für Hadamar war das Kriegsende auch das Ende des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte, sprach Bürgermeister Hans Beresko, «aber haben wir daraus gelernt?» Das sei für ihn die wichtige Frage.
Für Jugendliche sei der Krieg lange vor ihrer Zeit gewesen, bedachte Bezirksdekan und Pfarrer Dieter Lippert, die Erinnerungen würden blasser und die Jugendlichen fragten, ob man denn nicht mal einen Schlussstrich ziehen könne? Lippert: «Kann man einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen, wenn man nichts daraus gelernt hat?»
Frage nach der Sterbehilfe
Es sei kaum vorstellbar, dass das Leben Behinderter damals als unwert galt. Wie ist es heute? Da gebe es die «menschenfreundliche» aktive Sterbehilfe. Doch wohin soll diese Entwicklung gehen? Stünden die Kranken irgendwann unter dem Druck, «endlich die Einwilligung geben zu müssen, weil sie nur noch belasten?» Wann würde unheilbare Krankheit generell Grund zur Sterbehilfe? Oder die pränatale Diagnostik, die dazu führe, dass immer weniger behinderte Kinder auf die Welt kommen. «Die Möglichkeiten, an Leben Hand anzulegen, werden immer besser», kritisierte Lippert, das sei für Christen nicht akzeptabel. Die Ereignisse in Hadamar sollten Warnung sein, wir bräuchten die Kraft der Erinnerung, damit das Leben weiterhin heilig bleibt, appellierte Lippert.
Erinnerungen Teil der Kultur
Für Regine Gabriel seien Erinnerungen Teil unserer Kultur, wir müssten als Brückenbauer tätig sein, um so die Erinnerung von Generation zu Generation zu tragen. Schülerinnen und Schüler der Fürst-Johann-Ludwig-Schule haben sich als Brückenbauer betätigt, haben in der eigenen Familie nachgeforscht, haben Oma, Opa, Tante oder auch Nachbarn zu Kriegserlebnissen befragt und diese gesammelten Geschichten nun podiumsartig vorgetragen. Und so berichteten Katharina Dahlem, Madeleine Menger («Viele verschiedene Gefühle kamen da hoch»), Nina Westerfeld, Philipp Graf, Ann-Kathrin Maaß, Sinah Hasselbach, Andreas Westerfeld, Anna Kaiser, Magdalena Sokalla und Tatjana Pauls von Fliegeralarm, Fußmärschen, Kriegsgefangenschaften.
Bemerkenswerte Erlebnisse
Ein bemerkenswertes Erlebnis hatte beispielsweise die Großmutter eines der Schülerinnen: «Vor der Tür stand ein russischer Soldat und wollte Essen. Wir hatten aber nichts. Er ging, kam wieder und brachte uns etwas zu Essen.» Oder die Erinnerung des Opas einer der Schüler: «Wir waren in Russland, es war Nacht, alle schliefen. Da hatte ich einen Traum. Eine Stimme sagte mir, ich solle sofort diesen Ort verlassen. Ich stand auf und ging. Später habe ich gehört, dass dort eine Bombe alle getötet hatte.»
Regine Gabriel resümierte: «Das Sammeln der Geschichten könnte ein Weg sein, um die Erinnerung zu behalten.» Zeitzeugen gäbe es irgendwann keine mehr. (bwe) 


Quelle: www.nnp.de (o.g. Datum) 
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