| 04.07.03 Auschwitz – das Unfassbare |
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Zwölf Schüler berichten
Von Gundula Stegemann
Limburg-Weilburg. "Bevor ich in Auschwitz war, konnte ich schon nicht verstehen, dass es Leute gibt, die an Hitler und seine Ideologie glauben – aber jetzt kann ich das noch viel weniger", sagt Nina Kern. Zusammen mit elf weiteren Schülern von der Fürst-Johann-Ludwig-Schule in Hadamar, vom Philippinum in Weilburg und von der Goetheschule in Limburg war sie während einer Studienreise im ehemaligen Konzentrationslager in Auschwitz (wir berichteten).
Die Fahrt organisiert hatten Melanie Eriksson vom Jugendbildungswerk Limburg-Weilburg und Christa Pullman von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. "Wir waren mit den Schülern in Auschwitz, damit sie persönlich am Ort des Geschehens Eindrücke von etwas gewinnen können, was eigentlich unfassbar ist. Diese Erfahrungen sind durch keinen Unterricht zu ersetzen", sagt Christa Pullmann.
Innerhalb von sechs Tagen zogen die Jugendlichen ein straffes Programm durch: Neben dem Stammlager Auschwitz I und Birkenau besuchten sie das Salzbergwerk Wieliczka und das Arbeitslager Plaszow, in dem der amerikanische Spielfilm "Schindlers Liste" gedreht worden ist. Kommandant dieses Lagers war Amon Göth, der mit einem Apfel Kinder zu sich lockte und ihnen ins Gesicht schoss.
Unzählige Berichte über grauenvolle Taten hörten die Schüler vom ersten Tag ihres Besuchs an. "In Birkenau hörten wir von einer jungen Frau mit einem Baby auf dem Arm, dem ein SS-Mann in den Kopf schoss. Dass welche aus unserem Volk so etwas getan haben!" empört sich Nina Kern. "Das ist doch unbegreiflich."
"Schockierend ist die Brutalität in all den Berichten: angefangen von den Bestrafungen bis zu den Operationen. Die haben den Männern ohne Betäubung die Hoden abgeschnitten und alles fein säuberlich dokumentiert. Hat einer falsch gehustet, wurde er geschlagen, gefoltert oder erhängt", erzählt Leonardo Eisert.
Tief beeindruckt hat die meisten Schüler das Gespräch mit dem Überlebenden Henryk Mandelbaum, der als 21-jähriger in Auschwitz-Birkenau dem Leichenverbrennungs-Sonderkommando zugeteilt war. In der so genannten Todeszone musste er Leichen aus den Gaskammern in offene Gruben schleppen und verbrennen, weil die Kapazitäten der Krematorien nicht ausreichten.
"Der hat die Hölle erlebt, aber inzwischen seine Ruhe gefunden und führt heute ein scheinbar normales Leben. Er ist sogar mit einer deutschen Frau verheiratet", sagt Leonardo Eisert. Er habe ihnen mit auf den Weg gegeben, den Glauben an das Gute im Menschen nicht zu verlieren.
Anne Rollin beschreibt ihre Gefühle so: "Ich war entsetzt, wie groß das Gelände, die Schornsteine, die Wachtürme sind. Du läufst die Wege entlang und weißt, überall hier waren diese Menschen, deren Leben ausgelöscht wurde. Es war eine schlimme Erfahrung, die meinen ganzen Mut gefordert hat, aber ich würde nicht auf sie verzichten wollen."
Anna Schmitt schaudert bei dem Gedanken, dass die Asche der Toten überall in den Wiesen und Sümpfen verteilt ist. "Ich hatte das Gefühl, als ob ich die Asche riechen würde. Nach jüdischem Glauben müssen die Toten begraben werden, denn nur so können sie in Frieden ruhen. Hier wurde nicht einmal ihre Asche beerdigt, die Toten haben nie ihre Ruhe gefunden", sagt sie.
Erschüttert haben die Schüler die Berichte über die Hinrichtungen an der so genannten Todesmauer, an der die Häftlinge sich aufstellen mussten und erschossen wurden. "Wir waren alle den Tränen nahe. In diesem Augenblick nicht allein, sondern in der Gruppe zu sein, war schön", gibt Katharina Schardt zu. "Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was ich in Auschwitz gesehen und erlebt habe, empfinde ich alles noch viel schlimmer als in dem Moment selbst. Erst im Nachhinein wird einem bewusst, was dort passiert ist. Ich denke, dass diese Erfahrung mich prägen wird: nicht alles hinzunehmen, was insbesondere Politiker erzählen, die Dinge kritischer zu sehen und mir über den eigenen Standpunkt klar zu werden, ohne die Meinung anderer zu übernehmen."
Das Schöne und Positive an der Studienreise, hört man einhellig in der Runde, sei die Gruppe gewesen und das Gefühl, in Krisen aufgefangen zu werden. Die Fahrt habe sie zusammen geschweißt, sie wollen auch weiterhin alle in Kontakt bleiben und sich treffen.
Nur die Rückkehr in den Schulalltag wirft für einige Teilnehmer einen Schatten über die Studienreise. "Schade, dass wir an unseren Schulen von den Lehrern kaum Unterstützung bekommen", gibt eine Schülerin zu bedenken. Die Fahrt würde ausschließlich auf das schulische Versäumnis reduziert. Obwohl die Lehrer zuvor ihre Hilfe angeboten hätten, seien einige Schüler von ihrem Lehrer gefragt worden, ob sie sich eine Woche Urlaub überhaupt hätten leisten können. "Dabei haben wir auf dieser Fahrt mehr gelernt als in drei Wochen Schule", sagt ein Schüler.
Vielleicht finden die betreffenden Schulen einen salomonischen Ausweg: zum Beispiel den Schülern zu helfen, den Stoff nachzuholen und von deren Erlebnissen im Unterrichtsgespräch zu profitieren. Melanie Eriksson und Christa Pullmann jedenfalls planen bereits die nächste Studienfahrt nach Auschwitz im kommenden Jahr. Interessierte können sich auch jetzt schon melden unter (0 64 31) 29 63 53, E-Mail: jbw@limburg-weilburg.de. 


Quelle: www.nnp.de (o.g. Datum) 
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