| 02.10.02 Lernen ist Arbeit an sich selbst |
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Hadamar. Wechselvoll ist die Geschichte des Hadamarer Gymnasiums, der Leitungen, Zuständigkeiten und pädagogischen Konzepte. An den Gründer und - seit 1945 - Namensgeber Fürst Johann Ludwig, der im Oktober 1652 den Jesuitenorden mit der Leitung des Gymnasiums beauftragte, kann die Schule heute noch anknüpfen und gerne erinnern: an dessen Bildung, Toleranz, Gewandtheit und Friedensliebe.
Von 1822 bis 1971 war die Aula des Renaissance-Schlosses Schulort, die "längste Heimat des Gymnasiums" in seiner wechselvollen Geschichte, wie der amtierende Schulleiter Heinz Valentin sagte. Und ebendort feierte die Schule am Samstagabend ihr 350-jähriges Bestehen - mit so vielen Gästen, dass die Aula kaum genug Raum bot. Valentin hoffte für die Zukunft der Schule, dass die erforderlichen Rahmenbedingungen, die fruchtbare pädagogische Arbeit ermöglichen. Die "Qualität eines Gütesiegels" verlieh Landrat Dr. Manfred Fluck im übertragenen Sinn der Hadamarer Fürst-Johann-Ludwig-Schule: Es sei eine Schule, an der gute Arbeit geleistet werde, die einen entsprechend guten Ruf, eine lebendige Schulgemeinde habe und an der Menschlichkeit die bestimmende Größe sei. Die Größe der Schule mit rund 2100 Schülerinnen und Schülern bringe zum einem Vorteile, denn eine enorme Bandbreite an Kursen kann angeboten werden. Andererseits stößt die Schule aber nicht nur räumlich an ihre Grenzen. Fluck bedauerte, dass der Kreis als Schulträger kein Machtwort in der seit vier Jahren offenen Frage der Besetzung der Schulleiterstelle sprechen könne.
Auch die Leitende Schulamtsdirektorin Elfriede Geier konnte in dieser Sache "keine frohe Botschaft von der Kultusministerin" mitbringen. Sie lobte an der Fürst-Johann-Ludwig-Schule, seit 1971 eine so genannte kooperative Gesamtschule, die hervorragend vorbereiteten Abiturienten, den guten Bildungsgang für Realschüler und die Sorge um die Hauptschüler. Sie sprach ein pädagogisches Konzept an, das ein Zeitgenosse des Schulgründers, der Pädagoge Johann Amos Comenius, formuliert hatte und auch heute noch Denkanstöße geben könne: mehr Freiheit und Vergnügen im Unterricht, mehr Ruhe und Gelassenheit in der Schule.
Für den Festvortrag hatte der Ehemaligenverein der Schule Prof. Dr. Theo Kobusch gewinnen können. Er stammt aus Niedertiefenbach und hat, wie der Vorsitzende des Vereins Ehemaliger, Dr. Klaus Schmitt, ihn vorstellte, 1966 an der Fürst-Johann-Ludwig-Schule Abitur gemacht und ist heute Ordinarius an der Ruhr-Universität Bochum mit den Forschungsschwerpunkten Philosophie der Antike und Philosophie und Theologie des Mittelalters. "Erziehung zur Freiheit", so der Titel seines Festvortrages. Als das Hadamarer Gymnasium gegründet wurde, strebten die Gelehrten universales, enzyklopädisches Wissen an. Prof. Kobusch nannte es die "Euphorie des Alles-wissen-Könnens". Zwar könne Glück nicht im reinen Anhäufen von theoretischem Wissen bestehen, jedoch scheine es heute in Verruf gekommen zu sein, jungen Menschen zuzumuten, etwas zu lernen, sagte Prof. Kobusch und forderte: "Der Mensch muss wieder lernen zu lesen." Lernen sei Arbeit an sich selbst. Mit dem Philosophen Hegel, seinem "Lehrmeister", wie Kobusch sagte, forderte er das "Recht der Kinder, zu freien Menschen erzogen zu werden". Aber was ist Freiheit? Deren Existenz kann nicht bewiesen werden, es gibt sie nicht ohne Selbstbestimmung, ohne Willensfreiheit - und es gibt sie nicht in einem Staat, der nicht durch Gesetze, Gewaltenteilung und Institutionen für die Freiheit aller Sorge trägt. Rousseau sah den frei geborenen Menschen von der Gesellschaft "überall in Ketten" gelegt, aber dem widersprach Prof. Kobusch: Nur durch Erziehung könne der Mensch zu wahrer Freiheit gelangen. Wahre Freiheit beschränke sich selbst, ermögliche die Freiheit des Anderen, auch im Entsagen der Macht. Erziehung zur Freiheit bedeute daher eine Ausbildung der Persönlichkeit des Menschen, seiner Schuld-, Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit.. Das setzt Wissen voraus, denn durch Wissen bildet sich der Mensch aus, durch Wissen ist es ihm möglich, sich vom Zeitgeist abzuheben und damit für sich und die Gesellschaft zukunftsfähig zu werden.
Begeisterten Applaus erhielten die Schülerinnen und Schüler der Fürst-Johann-Ludwig-Schule, die den Festakt musikalisch umrahmten: das Trompetenquartett, der Oberstufenchor unter der Leitung von Martin Bertram und die Pianistin Marjana Lisnyk. (cz) 


Quelle: www.nnp.de (o.g. Datum) 
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