| 21.11.01 „Draußen Ozon, drinnen PCB – was soll man da machen?“ |
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Limburg-Weilburg. „Jahrelang dachte ich, es lag am anstrengenden Unterricht, wenn es mir nach der Schule nicht gut ging. Aber vielleicht waren es ja in Wirklichkeit Schadstoffe. Im Sommer soll man mit den Kindern nicht raus wegen Ozon, aber in der Turnhalle sind PCB. Was soll man in dieser Situation denn da eigentlich noch machen? Wer sagt einem das?“ Es war ein Sportlehrer der Hadamarer Fürst-Johann-Ludwig-Schule, der so am Montagabend seine Sorgen formulierte. Etwas überspitzt vielleicht – aber die Äußerung des Lehrers brachte ein Unbehagen auf den Punkt, das von vielen anderen Besuchern einer Veranstaltung in Lindenholzhausen geteilt wurde: Gespeist aus dem Zweifel, ob die politisch Verantwortlichen das Problem mit einer als stark gesundheitsgefährdend und krebserzeugend geltenden Altlast so ernst nehmen wie es die möglichen Folgen gebieten. Die Entscheidung der Kreisspitze, an dem Infoabend nicht teilzunehmen, hatte diesen Zweifel wohl eher genährt als vermindert. Und Gerd Zimmermann, Kreisvorsitzender des BUND beklagte, dass der Kreis als Schulträger sich flächendeckenden PCB-Untersuchungen verweigert habe, Informationen über gemessene PCB-Belastungen nur scheibchenweise herausgebe, die Auswahl und Reihenfolge der Untersuchungen wenig transparent sein – Zimmermann sprach von einem Vorgehen „nach Gutsherrenart“.
Zurück zu dem Lehrer aus Hadamar. Bevor er so drastisch seine Gemütslage schilderte, war ihm bestätigt worden, dass abhängig von der Gebäudetemperatur die PCB-Belastungen übers Jahr hinweg in einem Raum beträchtlich schwanken können – wenn es wärmer ist, gasen Polychlorierte Biphenyle (PCB) grundsätzlich stärker aus, hatte Dr. Gerd Ockelmann vom Institut Fresenius erläutert. Was also sind Messungen zu einem einzigen bestimmten Zeitpunkt wert? Dr.Ockelmann von Fresenius gab zu verstehen, dass sein Institut die Messwerte trotz der von ihm eingestandenen Unwägbarkeiten einzuschätzen wisse – mindestens insofern, als ein weiterer Untersuchungsbedarf zu konstatieren sei oder nicht. Im Falle der Hadamarer Gesamtschule mit PCB-Werten über dem Richtwert von 300 Nanogamm pro Kubikmeter Raumluft etwa in der Turnhalle und in der Aula ist diese Notwendigkeit grundsätzlich festgestellt. Um den Umfang und die Art eventueller Sanierungen festzulegen ist dort vorgesehen, einen Raum als eine Art Modell herauszupicken, völlig zu entkernen, so den PCB-Quellen auf die Spur zu kommen und einen Sanierungsplan festzulegen.
Dr.Ockelmann war einer der Experten, die bei der Podiumsdiskussion zum Thema PCB im Katholischen Pfarrzentrum Lindenholzhausen Eltern, Lehrern und anderen besorgten Bürgern aus dem ganzen Kreisgebiet Rede und Antwort standen. „PCB und andere Luftschadstoffe in Kindergärten und Schulen – was ist zu tun?“ lautete der Titel der Veranstaltung, zu der gemeinsam der Bund für Umwelt Naturschutz (BUND) Limburg-Weilburg, der Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung (GEW) und die „Kreis-Elterninitiative gegen Luftschadstoffe in Betreuungseinrichtungen und Schulen“ eingeladen hatten. Außer Dr. Okelmann am Podium: Gerd Zimmermann vom BUND, Tilman Staudt (Leiter des Diözesanbauamtes) und Dr. Jutta Witten vom Hessischen Sozialministerium. Die Moderation hatte Barthel Pester vom Hessischen Rundfunk.
Die gut besuchte Veranstaltung in direkter Nachbarschaft der Lindenschule, die nach monatelanger Wartezeit gerade wegen der dort festgestellten PCB-Belastung saniert wird, bot den Besuchern unter dem Strich eine Fülle von Grundinformationen über Luftschadstoffe und den Umgang mit ihnen, dazu viele Details, zum großen Teil naturwissenschaftlicher und technischer Art. Das Fazit des Abends war aber eher ein politisches: Eine Empfehlung zu einem unverkrampften und offenen Umgang mit dem PCB-Problem – und aller Betroffenen untereinander. Dr. Jutta Witten, für Umwelttoxikologie zuständige Referentin in der Gesundheitsabteilung des Sozialministeriums, war es, die angesichts der Vorgeschichte im Kreis Limburg-Weilburg beim Umgang mit PCB und den von ihr attestierten „verhärteten Fronten“ einen runden Tisch aller Betroffenen empfahl. Dr.Jutta Witten ließ keinen Zweifel daran, dass aus wissenschaftlicher Sicht PCB in der Raumluft eine ernstzunehmende Gesundheitsgefahr darstellen – auch wenn sich die Fachleute nicht in allen Fragen einig sind. Die Expertin, die einer länderübergreifenden Arbeitsgruppe zur Bewertung von Innenraum-Schadstoffen angehört, kündigte an, dass im Laufe des kommenden Jahres die Werte für das tolerierbare Maß einer PCB-Belastung in Gebäuden abgesenkt werden. Dr. Witten: „Da tut sich was.“
Dass sich mittlerweile trotz aller Kritik auch im Kreis Limburg-Weilburg etwas tut, betonten übrigens zwei Kreistagsmitglieder. Valentin Bleul (FWG) und Martina Hartmann-Menz (Bündnis 90/Die Grünen), wiesen daraufhin, dass der Landrat ja weitere Untersuchungen und Sanierungen angekündigt hat. Zwei Millionen Mark sollen im Etat 2002 dafür veranschlagt werden, wie Landrat Dr. Fluck im Kreistag verkündet hatte. Angefangen ist die Sanierung in der Lindenschule. Durch eine Schleuse abgeschottet, haben Arbeiter damit begonnen die Fenster auszutauschen, Decken und Fußböden sollen folgen. Gestern hieß es zum Stand der Arbeiten: „Voll im Zeitplan“. (pk) 


Quelle: www.nnp.de (o.g. Datum) 
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