| 26.08.2005 „Lernen, sich durchzusetzen“ |
 |
 |
 |
Von Sabine Rauch
Immer mehr junge Leute wollen ein Freiwilliges Soziales Jahr machen - um zu schauen, ob ein sozialer Beruf das Richtige für sie ist, um die Wartezeit bis zum Ausbildungs- oder Studienbeginn zu überbrücken, weil sie nach der Schule erst einmal was Praktisches machen wollen, weil ein FSJ auf alle Fälle besser ist, als gar keine Arbeit zu haben oder als Ersatz für den Zivildienst. Wir stellen in einer Serie das Freiwillige Soziale Jahr vor und einige junge Leute, die gerade eins gemacht haben.
Hadamar/Elz. Sie ist ein bisschen selbstbewusster geworden im vergangenen Jahr, sie hat gelernt, dass man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen darf. Und noch etwas hat Agnetha Bergtold erfahren: «Man braucht bei der Arbeit mit Jugendlichen wirklich Ausdauer.» Im August 2004 begann die 20-Jährige ein Freiwilliges Soziales Jahr. Morgens arbeitete sie im Büro des Schulsozialarbeiters der Fürst-Johann-Ludwig-Schule, und nachmittags und abends widmete sie sich der freien Jugendarbeit im offenen Jugendtreff in Hadamar – und das für ein Taschengeld. «Ich wollte mich mal ausprobieren, schauen, ob mit das Soziale wirklich liegt», sagt Agnetha Bergtold. Und außerdem sei sie nicht mehr wirklich motiviert gewesen, weiter zur Schule zu gehen.
Nach der Mittleren Reife hatte die Elzerin die Marienschule besucht. Den theoretischen Teil ihres Fachabiturs hat sie hinter sich, und wenn im August das Freiwillige Soziale Jahr vorbei ist, kann sie auch ein Jahr praktische Tätigkeit nachweisen. Die Alternativen: Noch ein Jahr Schule oder schon mit einer Ausbildung anfangen. In der Ausbildung hätte sie sicher mehr verdient als 185 Euro Taschengeld und 197 Euro Verpflegungsgeld im Monat. «Aber das mit dem Geld fand ich gar nicht so wichtig. Ich wollte es ja für mich machen.» Und: «Ich hatte Angst, dass ich eine Ausbildung anfange, um dann vielleicht festzustellen, dass es das nicht war.» Sie wusste, dass sie gerne mit Jugendlichen arbeiten wollte, «das fand ich spannend», und dann hatte sie vom FSJ gehört, war beim Arbeitsamt, hat sich dort erkundigt und Adressen geben lassen. «Und dann hab ich mich beworben.» Es sei nicht leicht, den richtigen Bewerber für die offene Jugendarbeit zu finden, sagt Paul Stegemann, Stadtjugendpfleger und Schulsozialarbeiter in Hadamar. «Man muss lernen, sich durchzusetzen, Grenzen zu setzen und sich nicht das Ohr abkauen zu lassen.» Und wer nicht selbstsicher auftreten und auf andere Menschen zugehen könne, habe sowieso keine Chance. Und noch eine Fähigkeit brauche man in der Jugendarbeit: «Man muss Konflikte als Chance sehen.» Am Anfang sei es nicht so einfach gewesen, sagt Agnetha Bergtold. Einigen Jungen und Mädchen im Jugendtreff sei es nicht leicht gefallen, auf sie zu hören. «Aber dann haben sie sich an mich gewöhnt, jetzt akzeptieren sie mich.» Sie habe eben auch dazugelernt: Wie man versucht, Jugendliche von Regeln zu überzeugen und davon, dass sie manchmal einfach dabei bleiben müssen - zum Beispiel in der Schule oder bei der Hausaufgaben-Betreuung. Und sie hat noch etwas für ihre Zukunft gelernt: Dass sie nicht nur mit Jugendlichen arbeiten will. «Für immer ist es das einfach nicht.» Bei der Hausaufgabenbetreuung und den Ferienspielen habe sie gemerkt, dass die Arbeit mit jüngeren Kindern ihr mehr Spaß macht. Agnetha Bergtold hat sich um eine Ausbildung zur Ergotherapeutin beworben. Und wenn das nicht klappt, will sie vielleicht Sozialpädagogik studieren.
Sie betreute die Streitschlichter an der Fürst-Johann-Ludwig-Schule, kümmerte sich um die Schulverweigerer und half ihnen, den versäumten Stoff nachzuholen und zwei Mal in der Woche half sie – zusammen mit einer Mitarbeiterin der Ost-West-Integration – russischen und türkischen Schülern bei den Hausaufgaben. «Und außerdem bin ich diejenige, die die kleinen Arbeiten macht, für die Paul Stegemann keine Zeit hat.» Vier Mal in der Woche ging sie nachmittags in den Hadamarer Jugendtreff , da hatte sie dann ein offenes Ohr für die Probleme der Jugendlichen aus Hadamar oder sie spielte eine Partie Billard mit ihnen. Und Montagabends kümmert sie sich in Oberweyer um die Jugendlichen. Sie half, die Ferienspiele zu organisieren und eine Gruppe hat sie in diesem Sommer auch noch übernehmen – das spart das Geld für eine Honorarkraft, und Spaß machte es ihr sowieso. «Wenn Agnetha nicht da gewesen wäre, hätte ich nicht halb so viele Sachen machen wie jetzt», sagt Paul Stegemann. Das Freiwillige Soziale Jahr müsse aber ein Geben und Nehmen sein. «Wir geben was für die Persönlichkeitsentwicklung und nehmen das Engagement.» 

|

Quelle: www.nnp.de (o.g. Datum) 
|